Eine Spurensuche: von der Kindheit am Meer über fünfzehn Jahre Theater bis zu jenem Tag in Galiläa, an dem sich mein Weg unerwartet wendete.
Schon immer faszinierten mich Schiffe, auch kleine Jollen, die still im Wasser liegen. Und ich liebte Steine. Haufensteine, Steine auf Wegen, Steine im Wasser, Steine in Häusern. Manchmal verschließen Steine auch Türen.
Habe ich immer darauf gewartet, dass mein Leben irgendwann anfängt? Als Kind fand ich auf einer Insel am Strand einen Stein. Sieht aus wie ein Schaf, dachte ich. Ich hielt den Stein scharf auf den Strich unterm Himmel, schob ihn in meine Anoraktasche und schaute weiter auf das Meer.
„Nachts lag ich oft wach. Warten auf den Morgen mit Fragen, die wir in Schatten werfen."
Immer Lebenshunger, Liebe gesucht, Hände aufgerissen, unerfüllt. Den Stein habe ich heute nicht mehr. Jemand lieh ihn und vergaß, ihn zurückzugeben. Die Gewissheit blieb.
Mit sechzehn weg von zu Haus. Hochschule in Rostock. Wieder am Meer. Ich war achtzehn, als meine Tochter geboren wurde. Sie sagt heute, ihre Kindheit sei aufregend gewesen. Ich wurde Schauspielerin.
Beruflich im Osten eine Nische, in der Sehnsucht, Freiheit und Träume gelebt werden durften. Fünfzehn Jahre Engagements an verschiedenen Theatern. Applaus. Erfolg macht noch lange nicht glücklich.
Zwischendrin die Wende. Ich erlebte sie bei Proben, ein Bühnenstück für Kinder. Die Maueröffnung zerbrach mein Weltbild, öffnete Türen, verschloss alte Horizonte. Grelle Farben statt grau. Farben. Im Westen aß ich zum ersten Mal Kiwis.
Alles veränderte sich. Auch die Stimmung am Theater. Geschrieben und gemalt habe ich schon immer. Ich dachte, ich müsse doch Frieden empfinden bei allem, was ich tue. Bleibt dies aus, muss ich gegen alle gefundene Sicherheit hin zur Sehnsucht in meinem Herzen zurück, im Haus des Lebens weiterwandern.
Ausstieg aus dem Beruf. Verschiedene Jobs. Ich suchte Lebenssinn. Glück. Ich zog mit meiner Tochter nach Berlin. Ging Irrwege, Umwege, verstrickte mich im Geflecht ungeglückter Beziehungsstrukturen.
Irgendwann fing ich an, in der Schublade zu kramen, in der ein Stapel kleiner bunter Bücher lag. Meine Tagebücher. Jedes eine Metapher für einen Neuanfang. Jedes ein Atem. Jedes eine Sehnsucht.
Im Jahr 2000 flog ich für eine Freundin nach Jerusalem. Arbeit in einem katholischen Pilgerhaus. Nach fünf Stunden wollte ich abreisen. Ich bin geblieben. Das Paulushaus befindet sich gegenüber dem Damaskustor.
Wonach ich mich sehnte, war Ruhe. Was ich dort fand, war alles andere. Kein Land, das ich bereist hatte, trug in seinem Innern so viel Aggression und keines so viel Liebe. Ein Land, das seine Heimat sucht.
Die Schwestern stellten mir die Räume eines geschlossenen Naturkundemuseums zur Verfügung. Mein Atelier. Nachts, wenn es draußen zu laut war, um zu schlafen, habe ich gemalt, mit den Fingern direkt aufs Papier.
Irgendwann gab mir jemand seine Bibel, ein zerlesenes Büchlein mit vielen bunt markierten Zeilen. Am See Genezareth zwischen Tabgha und Kapernaum begann ich zu lesen.
Später in der Brotvermehrungskirche sah ich das Mosaik am Boden. Vor Jahren hatte ich ein Bild gemalt: drei Häuser, ein Mensch und ein blauer Fisch. Sieht aus wie ein Kinderbild, hatte ich gedacht und wollte es eigentlich wegwerfen. Und jetzt strahlte vor meinen Füßen ein kleiner blauer Fisch.
An einem Freitagmorgen lernte ich das „Vaterunser" auswendig. Abends erhielt ich die Taufe, am nächsten Morgen die erste Kommunion. Mittags saß ich im Flugzeug mit einer Plastikflasche in der Hand, in der sich mein Taufwasser befand. Ich wusste, mein ganzes Leben hatte sich verändert.





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