Aktuelles · Cottbus 2026

„Komm nur herein, ich öffne dir mein ganzes Herz“

Oberkirche St. Nikolai in Cottbus

Am 18. Juni 2026 wurde meine Ausstellung „Komm nur herein, ich öffne dir mein ganzes Herz“ in der Oberkirche St. Nikolai in Cottbus eröffnet. Die einführenden Worte sprach Tobias Hohenberger von der Pax-Bank für Kirche und Caritas. Seine Rede hat den Abend und diesen besonderen Raum auf eine Weise gefasst, die mich tief berührt hat. Ich gebe sie hier gern im Ganzen wieder.

„Raum entsteht durch Anwesenheit“
Eröffnungsrede von Tobias Hohenberger, 18. Juni 2026

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstbegeisterte, liebe Gäste aus Cottbus und darüber hinaus,

ich freue mich sehr, Sie alle am heutigen Abend in der Oberkirche St. Nikolai begrüßen zu dürfen. Ein herzlicher Gruß gilt dem Gemeindekirchenrat, Frau Pfarrerin Katrin Rebiger und allen Akteuren, die diesen historischen Ort so großzügig für die zeitgenössische Kunst öffnen. Ein ganz besonderes und warmes Willkommen gilt natürlich der Frau, wegen der wir heute zusammengekommen sind: Willkommen, liebe Sylvia Wolff!

Wenn wir diesen philosophischen Lehrsatz, dass Raum erst durch Anwesenheit entsteht, heute Abend als intellektuelles Fundament nehmen, dann bedeutet das etwas Radikales für uns alle. Es bedeutet: Dieser monumentale, gotische Sakralbau ist in diesem Moment kein starrer, historischer Behälter aus Backstein und Mörtel. Diese Kirche ist keine bloße Kulisse, in die man einfach Menschen hineinsetzt und Bilder an die Wände hängt.

Nein. Dieser Raum konstituiert sich genau jetzt. Er entsteht durch die relationale Anordnung von uns allen. Er entsteht durch das Geräusch Ihrer Schritte auf den Fliesen, durch das kollektive Raunen, durch die Resonanz Ihrer Blicke und die Energie, die Sie aus Ihrem Alltag mit hierhergebracht haben. Raum ist kein Zustand. Raum ist eine Praxis. Raum ist ein Ereignis, das wir in diesem Augenblick gemeinsam vollziehen.

Meine ganz persönliche Verbindung zu dieser Ausstellung begann übrigens in einem Moment, in dem von dieser heutigen Energie noch gar nichts zu spüren war. Es war an einem dieser typischen, grauen Januartage in diesem Jahr. Die Welt draußen war farblos, der Himmel trüb, als mich die alltägliche Post erreichte. Im Stapel auch ein dickerer Umschlag mit einer Handschrift, die ich im ersten Moment gar nicht zuordnen konnte. Ein Rätsel in der Postmappe. Doch ein Blick in den Brief hat das Geheimnis gelüftet: Zum Vorschein kam der Jahreskalender 2026 von Sylvia Wolff.

Mitten in diesem grauen Wintertag explodierten plötzlich Farben und eine feine Poesie veränderte mein Büro und den Tag. Da habe ich gespürt, was Sylvias Kunst im Kern tut: Sie wartet nicht auf gutes Wetter, sondern schafft sich ihr eigenes Licht.

Und genau in dieses soziologische und emotionale Kraftfeld bricht nun diese Ausstellung ein. Sie tut das mit einem Titel, der uns intellektuell herausfordert, vielleicht sogar entwaffnet: „Komm nur herein, ich öffne dir mein ganzes Herz.“

Was für eine Einladung! Und was für ein spritziger, fast schon kühner Kontrast zu dem Ort, an dem wir uns befinden.

Betrachten wir das Spannungsfeld: Auf der einen Seite steht diese gewaltige, mittelalterliche Kirche. Ein Raum, der historisch über Jahrhunderte hinweg darauf ausgerichtet war, Ehrfurcht, Transzendenz und eine gewisse heilige Distanz zu erzeugen. Das Ziel der Gotik war es, den Menschen durch die Erfahrung der eigenen Unbedeutsamkeit für die überwältigende Größe Gottes zu öffnen.

Und auf der anderen Seite steht nun Sylvia Wolff und bricht diese ehrwürdige Distanz mit einem einzigen, radikal intimen Satz auf: „Komm nur herein, ich öffne dir mein ganzes Herz.“

Das ist das Gegenteil von akademischer Kälte. Das ist das Gegenteil von der unnahbaren Coolness, die wir in der zeitgenössischen Kunstszene so oft erleben, wo Kunstwerke sich hinter kryptischen Texten verstecken, um bloß nicht zu viel von sich preiszugeben. Sylvia Wolff verweigert sich diesem Versteckspiel. Sie betreibt keine intellektuelle Geheimniskrämerei, sondern sie riskiert etwas: Sie riskiert die absolute Offenheit. Sie verlegt das Zentrum der Rezeption weg vom reinen, distanzierten Analysieren hin zur radikalen Begegnung.

Wer die Arbeiten von Sylvia Wolff kennt, ihre feinsinnigen, leuchtenden Pastelle, ihre meditativen Bildwelten und die feinen Texte, die sie oft begleiten, der weiß, dass diese Kunst nach einer ganz bestimmten Form der Anwesenheit verlangt. Sie verlangt nach unserer emotionalen Anwesenheit. Man kann an diesen Werken nicht im Modus des flüchtigen Vorbeigehens vorbeisurfen. Man kann sie nicht konsumieren. Sie fordern den Dialog und sie lassen Raum für Interpretation.

Sylvia Wolff inszeniert hier eine visuelle Phänomenologie der Liebe und des Vertrauens. Wenn sie sagt: „Ich öffne dir mein ganzes Herz“, dann ist das kein sentimentaler Kitsch, sondern ein zutiefst intellektuelles Angebot. Es ist das Angebot, das eigene Ich für den Anderen durchlässig zu machen.

Wie sich diese Offenheit konkret in der Kunst manifestiert, sehen wir, wenn wir den Blick durch das Kirchenschiff schweifen lassen.

Schauen Sie auf das Bild „Berührung“:

Häuser, in denen das pralle Leben und der alltägliche Wahnsinn steckt, hinter jedem Fenster wohnt eine Geschichte, wohnt ihre Geschichte, und doch gibt es etwas anderes, ein Spalt, ein Engel verbindet das Irdische mit dem Göttlichen, eine angedeutete Figur wendet sich ab, die Berührung des Engels steht für Momente im Leben, wo wir spüren, da gibt es noch etwas anderes, es gibt mehr.
„Berührung“, Pastell von Sylvia Wolff
„Berührung“ · Pastell · Sylvia Wolff

Oder das Bild „Auf dem Weg“:

Inmitten des blühenden und bunten Lebens, im Hier und Jetzt, ein Paar im Glück auf dem Lebensweg. Ein schützender Engel begleitet sie auf dem Weg durch ihre Zeit, der Weg verbindet Himmel und Erde, Anfang und Ende, Alpha und Omega. Was ist das Ziel am Ende des Weges? Die Kreise werden enger, eine Art Labyrinth, wir schieben die Alltäglichkeiten beiseite.
„Auf dem Weg“, Pastell von Sylvia Wolff
„Auf dem Weg“ · Pastell · Sylvia Wolff

In all diesen Arbeiten spüren wir, dass Sylvia Wolff eine Geometrie des Herzens zeichnet.

Und wie wunderbar korrespondiert diese bildnerische Offenheit mit der Architektur! Wenn wir genau hinsehen, öffnet uns auch diese Kirche ihr Inneres. Sakralarchitektur ist immer auch eine Architektur des Übergangs, vom Lärm der Straße hinein in die Stille des Inneren. Sylvia Wolff nutzt diese architektonische Geste und transformiert sie: Aus dem architektonischen Innenraum wird ein seelischer Innenraum. Das geöffnete Herz der Künstlerin wird zum Resonanzraum für unsere eigenen Gedanken, für unsere Sehnsüchte, unsere Fragen und vielleicht auch für unsere inneren Zweifel.

Es ist ein intellektuelles Vergnügen zu beobachten, wie sich diese beiden Pole heute Abend miteinander verbinden. Die sakrale, geschichtsträchtige Würde von St. Nikolai in Cottbus verbindet sich mit der lebendigen, flirrenden, farbintensiven Intimität der Bilder. Die Kunstwerke schweben nicht isoliert im Raum; sie treten in ein Zwiegespräch mit den alten Steinen, mit dem Licht, das durch die Fenster bricht, und, das ist der wichtigste Punkt, mit Ihnen und uns.

Kunst existiert nicht im luftleeren Raum. Ein Bild, das ungesehen in einem dunklen Atelier lagert, ist eine potenzielle Möglichkeit, aber noch keine ästhetische Realität. Erst in der Gegenwart des Betrachters, erst in Ihrer Gegenwart, entsteht die Reibung, entsteht der Funke, entsteht die Bedeutung. Erst durch Ihr Schauen vollendet sich das Werk.

Wir sind also heute Abend nicht nur eingeladen, um zu konsumieren oder Smalltalk zu führen. Wir sind eingeladen, Co-Künstler dieses Abends zu sein. Wir sind aufgefordert, die Komfortzone der reinen, sicheren Distanz zu verlassen. Treten Sie also nicht nur physisch durch die Tür dieser Kirche. Treten Sie geistig ein. Gehen Sie auf dieses Angebot der Künstlerin ein.

Nutzen Sie heute Abend auch die Gelegenheit, nicht nur über die Kunst nachzudenken, sondern direkt mit ihr zu sprechen. Sylvia Wolff ist heute Abend hier, sie ist anwesend, und sie freut sich auf das Gespräch, auf Ihre Fragen, Ihre Eindrücke und den anregenden Gedankenaustausch mit Ihnen.

Und für all diejenigen unter Ihnen, die merken, dass dieses geöffnete Herz der Kunst so viel Licht verströmt, dass sie es am liebsten mit nach Hause nehmen möchten, um die eigenen vier Wände dauerhaft vor grauen Januartagen zu schützen: Ich habe mir sagen lassen, dass man diese Bilder nicht nur intensiv betrachten, sondern ganz offiziell und völlig legal käuflich erwerben kann. Sichern Sie sich also rechtzeitig Ihr eigenes Stück Herzlichkeit, bevor es jemand anderes tut!

Seien Sie spritzig im Denken, seien Sie mutig im Fühlen, erlauben Sie sich, berührt zu werden. Nehmen Sie sich die Zeit, vor den Arbeiten zu verweilen. Spüren Sie nach, wie die Farben im Raum arbeiten, wie die Texte im Kopf nachhallen.

Lassen Sie uns diesen Raum gemeinsam mit Leben füllen. Lassen Sie uns anwesend sein, mit wachem Verstand und geöffnetem Visier. Denn erst durch unsere gemeinsame Präsenz wird dieses geöffnete Herz der Kunst zu einem lebendigen, pulsierenden Ort.

Ich danke der Kirchengemeinde für diesen wunderbaren Ort, ich danke Sylvia Wolff für ihren Mut zur radikalen Schönheit und zur Offenheit, und ich danke Ihnen allen für Ihr Hiersein und Ihre Aufmerksamkeit.

Tobias Hohenberger
Pax-Bank für Kirche und Caritas eG

Diesen Worten habe ich kaum etwas hinzuzufügen, nur einen tief empfundenen Dank. Wer in den kommenden Wochen in Cottbus ist, den lade ich herzlich ein, vorbeizukommen. Die Bilder warten, noch bis zum 4. Oktober 2026.

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